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Außer ein paar leichten Prellungen hatte Clarissa nichts abbekommen. Sie schob die Decken beiseite und richtete sich auf, wartete ungeduldig, bis der leichte Schwindel verflogen war, und stapfte durch den verharschten Schnee zu Alex, der halb bewusstlos auf dem Boden lag und sie aus leeren Augen anstarrte. »Clarissa«, brachte er hervor, doch als er noch etwas sagen wollte, versagte seine Stimme, und es kam nur ein heiserer Laut über seine Lippen.

»Alex!«, rief sie wieder und ging neben ihm in die Knie. Entsetzt stellte sie fest, dass er aus einer klaffenden Platzwunde an der Stirn und aus der Nase blutete und das Bewusstsein verloren hatte. Sein Atem ging röchelnd. »Halte durch, Alex! Das ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Ein paar Schrammen und eine Gehirnerschütterung, weiter nichts. Sobald ich dich verbunden habe, geht’s dir wieder besser. Alex?« Sie merkte, dass er kaum noch Luft bekam, und drehte ihn auf die Seite. Jetzt atmete er ruhiger. »Ich bin gleich zurück, Alex.«

Sie rannte zum Schlitten und kramte das Verbandszeug aus dem Vorratsbeutel. Ein Glück, dass sich der Schlitten verkeilt hatte, und die Hunde nicht durchgegangen waren. »Gleich kümmere ich mich um euch!«, rief sie den Huskys zu. Besonders Smoky hatte einiges abbekommen. Er lag mit blutiger Schnauze im Schnee und jaulte erbärmlich. »Ich bin gleich bei dir, Smoky!«

Sie hastete zu Alex zurück und wischte ihm mit einem Fetzen, den sie von einer Mullbinde gerissen hatte, das Blut vom Gesicht. Die blutige Nase und die Schrammen auf seiner Wange reinigte sie mit etwas sauberem Schnee. Beim Anblick des frischen Blutes, das aus seiner Platzwunde quoll, packte sie die Angst. Irgendwie musste sie den Blutfluss stoppen. Sie faltete ein Stück Mull zu einem kleinen Kissen zusammen, drückte es fest auf die offene Wunde und verklebte es mit mehreren Pflastern. Auch jetzt sickerte noch Blut aus seiner Stirn. Er brauchte so schnell wie möglich einen Arzt. Eine flüchtige Untersuchung zeigte ihr, dass er sich nichts gebrochen hatte und nirgendwo sonst blutete, aber sie war keine Ärztin und möglicherweise hatte er bei dem schweren Sturz innere Verletzungen erlitten. Sie stöhnte leise.

»Ich bringe dich zu Doktor Weinbauer nach Port Essington«, sagte sie, obwohl er sie nicht hören konnte. Wie fast alle Einwohner war auch er auf ihrer Feier gewesen. »Er soll dich gründlich untersuchen. Ich weiß, wenn Whittler umkehrt, haben wir kaum eine Chance, und vielleicht verpassen wir sogar das Schiff nach Alaska, aber wenn du irgendwas Ernstes hast, das ich nicht erkennen kann, machen wir uns später Vorwürfe.« Sie breitete die Decken über ihn und strich ihm sanft über die Wange. »Ich muss mich um die Hunde kümmern, Alex. Dauert nicht lange. Zum Glück steckt der Schlitten zwischen zwei Bäumen fest, sonst wären wir jetzt noch schlimmer dran.«

Sie lief zu den Hunden und versorgte zuerst Smoky. Vorsichtig tupfte sie das Blut von seiner Schnauze. Er hatte durch den Aufprall zwei Zähne verloren und litt wahrscheinlich unter großen Schmerzen. Noch schlimmer war allerdings, dass er sich den linken Vorderlauf verstaucht hatte. Als sie die Stelle nur leicht berührte, zuckte er leise jaulend zusammen. Sie zog rasch ihre Hand zurück. »Ich weiß, das tut weh«, sagte sie zu ihm, »aber das kriegen wir wieder hin. In ein paar Tagen bist du wieder ganz der Alte.«

Die anderen Hunde waren unverletzt, hatten sich lediglich in den Leinen verheddert und waren noch geschockt von dem plötzlichen Aufprall. Sie tröstete jeden Einzelnen mit ein paar liebevollen Worten und befreite sie von ihren Fesseln. Der junge Charly zitterte heftig und beruhigte sich erst einigermaßen, als sie ihn fest in die Arme nahm und ihm ins Ohr flüsterte: »Alles halb so schlimm, Charly! Smoky hat sich einen Vorderlauf verstaucht und zwei Zähne verloren. Schlimm genug, aber das wird wieder. Alex bringen wir zum Arzt.« Sie setzte Charly ab und wandte sich an die anderen Hunde. »Aber ihr müsst mir dabei helfen, hört ihr? Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Sie zerrte den Schlitten zwischen den Bäumen hervor und wuchtete ihn auf die Kufen. Zwei Streben waren angeknackst, eine Schlaufe des Vorratsbeutels eingerissen. Alles andere wäre eine Katastrophe gewesen. Ohne einen Schlitten hätte sie es nicht geschafft, Alex zu einem Arzt zu bringen, und er wäre ihr vielleicht unter den Händen gestorben. Der Gedanke erschreckte sie so sehr, dass sie für einen Augenblick innehalten musste. Erst nachdem sie ein paarmal durchgeatmet und ein kurzes Dankgebet zum Himmel geschickt hatte, legte sie den verletzten Smoky auf die Ladefläche, richtete die restlichen Hunde aus und fuhr zu Alex. Hastig bohrte sie den Anker in den Schnee.

Es kostete sie einige Kraft, Alex auf den Schlitten zu heben. Er war immer noch bewusstlos und so schwer, dass sie zuerst seinen Oberkörper auf die Ladefläche legte und die Beine mühsam nachzog. Sie wickelte ihn in die Wolldecken und band ihn mit einigen Lederriemen aus dem Vorratsbeutel fest. Smoky legte sie zwischen seine Beine. Der Husky drehte verwirrt den Kopf und blickte sie dankbar an, als sie die warmen Decken über ihm ausbreitete.

Als sie um den Schlitten herumlief und bemerkte, dass die sanftmütige Cloud und der junge Charly eher orientierungslos an der Spitze standen, tauschte sie die beiden Hunde gegen den intelligenten Rick und den kräftigen Chilco aus. Sie konnten einen Leithund wie Smoky nicht ersetzen, waren aber erfahren genug, um das Gespann einigermaßen im Zaum zu halten. Cloud und Charly schienen dankbar für die neue Lösung zu sein und wehrten sich nicht, als Clarissa sie vor Buffalo und Waco an die Führungsleine klinkte.

»Giddy-up!«, trieb sie die Hunde an. Auf den Anfeuerungsruf ihres Mannes hörten sie am ehesten. »Ihr seht doch, wie es Alex und Smoky geht. Die beiden brauchen dringend einen Arzt! Zurück in die Stadt … Macht voran!«

Noch bevor sie die Worte ausgesprochen hatte, rannten die Hunde los. Sie spürten instinktiv, was auf dem Spiel stand, und ließen ihre Muskeln spielen, obwohl einige von ihnen leichte Blessuren und Prellungen davongetragen hatten. Als wollten sie Clarissa beweisen, dass auch ohne Smoky mit ihnen zu rechnen war, liefen sie so schnell sie konnten und folgten dem Weg, den sie gekommen waren.

Sie waren keine Stunde von Port Essington entfernt und glaubten, ein so scharfes Tempo vorlegen zu müssen, dass Clarissa sie an manchen Stellen sogar bremsen musste, um nicht wieder einen Unfall zu bauen. Bei jeder Bodenwelle ging sie tief in die Knie und klammerte sich mit beiden Händen an die Haltestange. »Rick! Chilco!«, rief sie nach vorn. »Übertreibt es nicht! Ich hab keine Lust, wieder gegen einen Baum zu fahren. Noch mal kommen wir nicht so glimpflich davon! Nicht so hitzig!«

Erst auf der breiten Wagenstraße am Ufer des Skeena Rivers ließ sie den Hunden freien Lauf. »Heya! Heya! Hier ist genug Platz!« Ihre Stimme hallte zwischen den hohen Fichten. »Lauft, ihr Lieben, jetzt haben wir es nicht mehr weit!« Die Hunde flogen förmlich über den verharschten Schnee und kümmerten sich nicht um das blanke Eis, das an vielen Stellen durch den Schnee blitzte und ihnen die Pfoten aufriss. Sie mussten Port Essington so schnell wie möglich erreichen. Auf der Wagenstraße gab es kaum Hindernisse, der festgestampfte Schnee lag wie eine Piste vor ihnen, und die aufgeworfenen Schneewälle zu beiden Seiten markierten die Richtung, die sie nehmen mussten. Der trübe Eisnebel, der vom Fluss heraufzog, störte sie nur wenig.

Als die ersten Häuser von Port Essington im morgendlichen Dunst auftauchten, verschärfte Clarissa das Tempo noch einmal. »Giddy-up! Vorwärts! Jetzt haben wir es gleich geschafft!«, trieb sie die Hunde an. Ihr Blick war auf Alex gerichtet, der reglos in seinen Decken lag und nicht einmal stöhnte, wenn sie über eine Bodenwelle holperten oder ins Schlingern gerieten. Bitte, bitte, lass ihn nicht ernsthaft verletzt sein, schickte sie ein erneutes Stoßgebet zum Himmel, lass ihn keine inneren Verletzungen haben! Sie brauchte ihn, er war der Mann, von dem sie immer geträumt hatte, obwohl er ganz anders aussah als die Prinzen auf ihren weißen Pferden, die in den Geschichten, die ihre Mutter ihr vorgelesen hatte, vor den Prinzessinnen auf die Knie gefallen waren. Er war männlicher, aufrichtiger, ein wenig ungehobelt vielleicht, immerhin hatte er die meiste Zeit seines Lebens unter Indianern, Goldsuchern und Abenteurern verbracht, aber auch sanftmütiger und liebevoller. Ein gütiges Schicksal hatte sie zusammengeführt, und sie würde nicht zulassen, dass ihr Leben ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag erneut aus den Fugen geriet.

In der Stadt fuhr sie direkt zum Haus von Doktor Weinbauer. Er wohnte neben der Pension von Mary Redfeather, ein gemütlicher Witwer, der seine Frau vor vielen Jahren auf der Überfahrt verloren und seitdem nicht mehr geheiratet hatte. Sie musste ein paarmal klopfen, bis er endlich die Tür öffnete und sich überrascht die Augen rieb. »Clarissa! Sie sind schon auf den Beinen? Ich dachte, Sie und Alex … Nun ja … Gestern war doch Ihre Hochzeitsnacht!«

Clarissa sparte sich eine Erklärung. »Alex ist verletzt«, sagte sie stattdessen. »Wir hatten einen Unfall. Er ist bewusstlos. Er ist gegen einen Baum geschleudert worden. Sie müssen ihn so schnell wie möglich untersuchen!«

»Okay.« Der Doktor war plötzlich hellwach. »Ich hole die Trage.« Er ließ die Tür offen, hastete mit wehendem Morgenmantel davon und kehrte wenig später mit einer Trage zurück. In seinen zerfledderten Hausschuhen stapfte er durch den nassen Schnee und half ihr, den wieder leise stöhnenden Alex auf die Trage zu legen. »Um den Hund kümmere ich mich später«, sagte er, während sie Alex ins Haus trugen und im Behandlungszimmer aufs Bett legten.

»Meinen Sie … ist es sehr schlimm?«, fragte sie.

»Dazu muss ich ihn mir erst einmal ansehen«, erwiderte der Doktor lächelnd. Auch in Schlafanzug und Hausschuhen war er jetzt ganz in seinem Element. »Sie warten am besten draußen. Zuschauer machen mich nervös.«

Clarissa gehorchte widerwillig und verließ das Zimmer. Als sie nach draußen ging, um Smoky hereinzuholen, sah sie Mary Redfeather vor die Tür des Nachbarhauses treten. »Clarissa! Da bist du ja«, hörte sie die Besitzerin der Pension rufen. »Wir haben uns schon Sorgen gemacht! Wo wart ihr denn die ganze Zeit? Als ich von der Feier nach Hause kam, war euer Schlitten weg.«

»Wir hatten einen Unfall … Alex ist verletzt!«, erwiderte Clarissa. Sie hob den verletzten Husky vom Schlitten und trug ihn zum Haus des Doktors. »Erzähle ich dir alles später. Smoky hat auch was abbekommen.« In der offenen Tür blieb sie kurz stehen. »Kümmerst du dich um die Hunde? Ich hab keine Ahnung, wie lange es dauert.« Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie weiter und legte den in eine Decke gehüllten Hund auf den Teppich im Flur.

Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, setzte sie sich auf einen der Stühle im Warteraum. Aus dem Behandlungsraum drangen dumpfe Geräusche. Sie lauschte eine Weile, versuchte herauszufinden, was sie bedeuteten, und gab auf. Außer dem Scharren seiner Hausschuhe, wenn der Doktor seine Füße bewegte, und dem Klirren einiger Instrumente, als er sie in einer Porzellanschale ablegte, war nichts zu hören. Keine Stimmen, kein Stöhnen, nicht einmal ein leises Seufzen. Anscheinend war Alex immer noch bewusstlos. Sie faltete ihre Hände und drückte sie gegen die Lippen. Bitte, bitte lass ihn wieder aufwachen, betete sie in Gedanken, lass ihn nicht ernsthaft verletzt sein!

Die Warterei zerrte an ihren Nerven, und sie war mehrmals versucht, das Behandlungszimmer zu betreten. Doch sie blieb sitzen und blickte nervös auf die Tür, als könnte sie den Doktor durch reine Willenskraft dazu zwingen, herauszukommen und ihr zu sagen, dass alles in Ordnung sei und sie sich keine Sorgen zu machen brauche. Je länger es dauerte, desto unruhiger wurde sie. Einmal stand sie tatsächlich auf und hatte den Türknopf bereits in der Hand, zuckte aber zurück, als sie die Schritte des Doktors hörte und setzte sich schnell wieder. Auf der Wanduhr rückten die Zeiger unablässig vor, und doch war nur eine halbe Stunde vergangen, als Doktor Weinbauer die Tür öffnete.

»Und?«, fragte sie ungeduldig. »Wird er wieder gesund? Die Verletzungen sind nicht so schlimm, oder? Sagen Sie mir, dass alles in Ordnung ist, Doc!«

»Alles in Ordnung? Das wäre wohl ein wenig übertrieben.« Der Doktor lächelte amüsiert. »Aber ich kann Sie beruhigen, ich konnte keine lebensgefährlichen Verletzungen feststellen. Keine inneren Blutungen, auch keine Brüche. Aber eine Gehirnerschütterung, die ihn wohl noch einige Tage behindern wird, und zahlreiche Prellungen im Brustbereich und an den Armen. Die sind meist schmerzhaft. Die Platzwunde an der Stirn habe ich genäht.« Hinter ihm erklang ein leises Stöhnen, und er drehte sich zu seinem Patienten um. »Ich glaube, er kommt zu sich. Wollen Sie mit ihm reden, bevor ich ihm etwas Laudanum gebe? Nur bitte nicht zu lange. Er braucht jetzt viel Ruhe.«

Clarissa drängte sich an ihm vorbei und blieb vor Alex stehen, der immer noch auf der Trage lag. Doktor Weinbauer hatte ihn bis auf die Unterwäsche ausgezogen und bis zur Brust mit einem Leintuch zugedeckt. Über der Platzwunde wölbte sich ein dickes Pflaster, die blutigen Schrammen hatte er mit einer übel riechenden Salbe eingerieben. Er griff sich stöhnend an den Kopf und erkannte sie erst, als sie dicht vor ihm stand. »Clarissa! Bist du … Bist du okay? Was … Was ist mit den … den Hunden? Wie konnte das nur passieren?«

»Keine Ahnung …. Wir haben wohl versucht, einige Bäume mitzunehmen.« Sie beugte sich über ihn und spürte, wie ihre Augen feucht wurden, als sie bemerkte, wie er gegen den Schmerz ankämpfte. Mit einer Hand strich sie ihm zärtlich über die Wange. »Ich bin okay, Alex. Ich hatte Glück, mir ist nichts passiert. Aber viel wichtiger ist, dass du wieder gesund wirst. Du hast eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde an der Stirn.« Sie lächelte zaghaft. »Das wird eine hübsche Beule geben. Die Prellungen an den Armen und der Brust könnten etwas wehtun, sagt der Doc. Ich nehme an, er will dich eine Weile hierbehalten. Tu, was er sagt, Alex! Wir haben noch genug Zeit.«

»Die Hunde? Was … Was ist mit den Hunden?«

»Smoky hat zwei Zähne verloren, und sein rechter Vorderlauf … Ich glaube, er ist verstaucht. Der Doktor kümmert sich um ihn.« Sie griff nach seiner Hand. »Werde wieder gesund, Alex! Werde wieder ganz gesund, hörst du?«

»Ich werde mich anstrengen. So schnell zwingt man mich nicht in die Knie, das weißt du doch.« Seine Gesichtszüge entspannten sich ein wenig und deuteten ein schwaches Lächeln an, bevor er wieder ernst wurde. »Du wirst sehen, spätestens morgen bin ich wieder auf den Beinen. Ich habe schon ganz andere Schläge weggesteckt. Hab ich dir schon von dem Grizzly erzählt, der mich vor ein paar Jahren angegriffen hat? Der Bursche hatte riesige Pranken wie …«

»… wie Bratpfannen, ich weiß«, erwiderte sie erleichtert. Wenn er von seinem Grizzly erzählte, war er schon wieder fast der Alte. »Aber wenn du nicht auf den Doktor hörst, brummt dein Schädel doppelt so lange, und ich muss mir ständig dein Gejammer anhören.« Ihre Augen funkelten. »Ich fahre inzwischen zur Hütte und hole unsere Sachen. Bis spätestens heute Abend bin ich wieder hier, dann sehe ich gleich nach dir. Ich quartiere mich bei Mary ein.«

»Und wenn Whittler inzwischen kommt?«, gab Alex zu bedenken.

»Er darf nicht kommen. Wenn es noch ein bisschen Gerechtigkeit auf dieser Welt gibt, kommt er erst, wenn wir mit dem Schiff nach Alaska abdampfen.«

»Hoffen wir’s«, erwiderte er.

Doktor Weinbauer, der sich inzwischen um Smoky gekümmert hatte, kehrte in den Behandlungsraum zurück. »So, das reicht fürs Erste«, sagte er zu ihr. »Ihr Mann braucht dringend etwas Schlaf, wenn er schnell gesund werden soll.« Er goss etwas Laudanum in einen Teelöffel und flößte es Alex ein. »Das lindert die Schmerzen und lässt Sie wie ein Neugeborenes schlafen, glauben Sie mir. Schmeckt wie der schlechte Wein, den sie im Saloon verkaufen. Ich habe etwas Zimt dazu gemischt, das macht es etwas erträglicher.«

Nachdem der Doktor das Laudanum weggestellt hatte, verließ Clarissa das Zimmer. »Wir sehen uns heute Abend«, rief sie Alex zu, doch der hatte sich bereits umgedreht und die Augen geschlossen. Das Laudanum wirkte schnell.

Smoky wartete im Flur auf sie. Der Doktor hatte seine Wunde versorgt und den verstauchten Vorderlauf mit einem festen Verband stabilisiert, so wie sie es vor zwei Jahren mit Bones gemacht hatte. »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht«, sagte Doktor Weinbauer, »aber ich bezweifle, dass Sie ihn weiterhin als Leithund einsetzen können. Seine Top-Form wird er nie wieder erreichen.« Er zog den Gürtel um seinen Morgenmantel fester und führte sie zur Tür. »So, und jetzt brauche ich dringend etwas Schlaf. Gestern Abend war es spät, wie Sie wissen, und ich bin nicht gerade ein Frühaufsteher. Bis später.«

Sie verabschiedete sich und ging mit dem verletzten Hund auf dem Arm zum Nachbarhaus. Der Doktor hatte ihm etwas gegen die Schmerzen gegeben. In der Stadt war es stiller als sonst, nicht einmal das Hämmern des Schmieds war zu hören, anscheinend war auch er später als gewöhnlich ins Bett gekommen. Vom Ende der Straße drang das Heulen einiger Huskys herauf.

Die Pensionswirtin hatte sie wohl kommen gehört und wartete in der offenen Tür. Im Flur hatte sie ein bequemes Lager für Smoky bereitet. Clarissa legte ihn auf die Decken und streichelte ihn sanft. »Das wird wieder, mein Lieber!«, versuchte sie ihn aufzumuntern. »Du wirst sehen, in ein paar Tagen tollst du wieder mit den anderen herum. Schlaf dich erst mal richtig aus!«

In der Küche wartete Maggie. »Wie geht es Alex?«, fragte sie besorgt.

Clarissa wiederholte, was der Doktor gesagt hatte. »Alex ist im hart im Nehmen«, erwiderte sie zuversichtlicher, als sie war. »Wie ich ihn kenne, ist er eher auf den Beinen als Smoky.« Sie blickte durchs Fenster zum Haus des Doktors hinüber. »Er hat schon ganz andere Sachen überlebt. Fragt den Grizzly, der ihm vor einigen Jahren über den Weg lief. Der humpelt heute noch.«

Niemand war nach Lachen zumute.

»Ich habe Mary alles erzählt«, gestand Maggie, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten. Sie hielt sich an ihrem Kaffeebecher fest. »Die Leute fragen sich sowieso, warum ihr so früh von der Party verschwunden und mit dem Hundeschlitten durch die Nacht gefahren seid, anstatt eure Hochzeitsnacht zu genießen.« Sie trank einen Schluck. »Du bist mir doch nicht böse?«

»Nein, das spielt sowieso keine Rolle mehr.« Clarissa stützte sich auf eine Stuhllehne. »Alex und ich fahren mit dem nächsten Dampfer nach Alaska.«

»Ihr macht … Was?«, riefen Mary Redfeather und Maggie im Chor.

»Wir gehen nach Alaska.«

Maggie stellte ihren Becher auf den Tisch und starrte sie aus großen Augen an. »Aber du weißt doch noch gar nicht, ob Whittler zurückkommt?«

»Er kommt zurück, Maggie, verlass dich drauf!«